Die HTW Berlin macht Kulturgüter von der römischen Vase bis zum Spielfilm fit für die Zukunft

Wenn man an Restaurierung von Kulturgütern denkt, dann fallen einem zuerst Gemälde ein oder wiederentdeckte Relikte der Antike. An der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin werden im Studiengang „Konservierung und Restaurierung/Grabungstechnik“ zwar auch antike Keramiken und ähnliches restauriert, doch die Inhalte des Studiums gehen weit darüber hinaus. Alle kulturellen Erzeugnisse bis zur jüngsten Geschichte finden Beachtung im Lehrplan des Bachelor- und Masterstudiengangs. Wege der Erhaltung werden nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen vermittelt und in realen Projekten und einem weltweiten Netzwerk von Praktikumsangeboten umgesetzt.

Carl Roth: Herr Professor Rüdel, Sie lehren im Bereich „Konservierung und Restaurierung mit dem Schwerpunkt moderne Medien“. Welche Medien sind damit gemeint?

Prof. Dr. Rüdel: Gemeint sind alle audiovisuellen Medien seit dem Beginn der modernen Fotografie, also Filme auf den chemisch nicht unbedingt stabilen Cellulosenitrat- und Celluloseazetat-Materialien, fotografische Objekte von Daguerrotypien bis zu digitalen Fotodrucken, Videos und Tonbänder mit ihren magnetischen Schichten auf Plastikfilm, Schallplatten. Auch weniger offensichtliche Materialien wie beispielsweise Polylux- oder Overhead-Foliensätze sind bei uns schon bearbeitet worden.

Carl Roth: Warum sind diese Medien erhaltenswert?

Prof. Dr. Rüdel: Sie sind Zeugnisse von Kultur und Geschichte, Dokumente oder Produkte des künstlerischen oder kulturellen Aktivität von Menschen, ihres Lebens, ihrer Arbeit, ihre Träume, Ängste, Obsessionen, egal, ob es sich nun – um zwei Beispiele aus jüngeren Projekten zu nennen – um einen klassischen Luis-Trenker-Film handelt oder um Orwocolor-Amateur-Dias  aus dem DDR-Alltagsleben.

Carl Roth: Welche Methoden nutzen Sie für die Restaurierung und Konservierung?

Prof. Dr. Rüdel: Zum einen gibt es die klassischen Methoden der Restaurierung, die trockene und feuchte Reinigung etwa und die präventive Konservierung, zum anderen jene, die dem immateriellen Kulturgut Bewegtbild („Filmrestaurierung“) und Ton zu eigen sind, also analoges Umkopieren oder, mehr und mehr, Digitalisierung und digitale Bearbeitung. Ein besonderes Augenmerk legen wir auf naturwissenschaftliche Tests und analytisch-instrumentelle Verfahren, insbesondere Colorimetrie/UV-Vis-Spektroskopie und Röntgenfluoreszenz-Spektroskopie, um die Materialität des Kulturgutes und deren Zusammenhang mit der Erscheinung vertieft zu verstehen.

Carl Roth: In den letzten Jahren sind viele Formate, etwa Videobänder, innerhalb weniger Jahre oder Jahrzehnte veraltet und werden nun von digitalen Techniken überholt. Wie geht man damit um? Und wie sichert man gerade digitale Aufzeichnungen langfristig?

Prof. Dr. Rüdel: Die Obsoleszenz von Geräten bedroht in der Tat etwa eine Sammlung von Videobändern, wohl noch mehr als deren Alterung oder Zerfall. Daher ist deren Umkopierung oder hochwertiger Digitalisierung entsprechende Priorität einzuräumen. Zudem muss man auch Geräte und Ersatzteile horten, um hinreichend für die Zeit gewappnet zu sein, die eine solche Digitalisierung benötigt. Leider altert aber auch ein Videorecorder, selbst wenn er nur im Regal steht, und nicht nur beim Gebrauch, also etwa durch die mechanische Abnutzung der Videoköpfe. Auch beim analogen Kinofilm müssen wir uns aber die Frage stellen, ob und wie wir ohne die bald historischen Geräte diese Werke noch originalgetreu projiziert erleben und bearbeiten können und auch da, neben den Filmen und Begleitdokumenten, wohl auch die Geräte sammeln. Insbesondere beim Film, auch und vor allem bei dem aus Cellulosenitrat gilt jedoch immer, auch das Original zu bewahren, und nicht nur eine Kopie oder ein Digitalisat, das sich nach einem weiteren Jahrzehnt technischen Fortschritts vielleicht schon als unzulänglich entpuppt. Und ob eine überzeugende Langzeitsicherung digitaler Daten überhaupt schon in Sicht ist, ist ein sehr umstrittenes Thema – noch bleibt es beim sukzessiven oder ständigen Kopieren auf Bändern und Servern, während so mancher Nitrofilm von 1898 noch in wunderbarem Zustand ist und das bei sachgerechter Lagerung womöglich auch noch sehr lange bleiben wird.

Carl Roth: An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell?

Prof. Dr. Rüdel: Ein besonderes Augenmerk liegt auf frühen Filmfarben, also etwa der Virage und Tonung, aber auch auf lithographisch hergestellten Trickfilmschlaufen. Ziel ist es, die Herstellung und chemische Zusammensetzung besser zu verstehen und ihre Farben dadurch in modernen Kopien oder Digitalisaten noch originalgetreuer nachvollziehen zu können. Zu diesem Thema organisieren wir auch seit 2016 eine jährliche Konferenz ‚Colour in Film‘ (http://www.colour.org.uk/meetingMarch17.php), gemeinsam mit der Colour Group UK.

Carl Roth: Die anderen Studienbereiche befassen sich mit archäologisch-historischem Kulturgut und modernen Materialien und industriellem Kulturgut. Welche kulturellen Produkte werden damit abgedeckt?

Prof. Dr. Rüdel: Ersteres umfasst vor allem die klassischen historischen und archäologischen Objekte, wie man sie sich aus einem Museum vorstellen kann: historische Gläser, Urnen, Metallobjekte und ähnliches. Zweiteres umfasst die Objekte und Materialien, die aus der Industrialisierung hervorgegangen sind, vom historischen Ventilator bis zum Gebrauchs- oder Kunstobjekt aus Plastik-Materialien. In einem weiteren Schwerpunkt wird bei uns zudem die Grabungstechnik, also die Feldarchäologie – die klassische, spannende archäologische Ausgrabungstechnik – gelehrt. Vom Steinzeitgrab bis zum Kinoklassiker ist also bei uns (fast) alles in den Schwerpunkten vertreten.

Carl Roth: Vielen Dank für Ihre Zeit und das interessante Gespräch!

 

Quellen:

http://krg.htw-berlin.de/

www.facebook.de/htw

http://www.fiafnet.org/HTW.html

Bild: (C) HTW Berlin / Nina Zimmermann

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