Nachweisbar nachhaltig


Nachhaltigkeitszertifizierungen für naturwissenschaftliche Labore


Geringere Energiekosten, weniger Abfall, ein stärkeres Profil im Wettbewerb um Fördermittel und Fachkräfte: Nachhaltige Labore haben kurz- und langfristig gesehen eine Menge Vorteile. Wir blicken auf zwei der bekanntesten Zertifizierungsprogramme im Laborsektor: My Green Lab und LEAF.

Wenn jemand über „die Chemie“ spricht, hat das oft einen faden Beigeschmack und das Label „Gentechnik“ ist ebenfalls nicht immer positiv belegt, von „Pharma“ ganz zu schweigen. Viele denken an Großindustrie, künstliche Produkte, Gefahrstoffe und unkontrollierbare neue Organismen. Abgesehen davon, dass eine Menge Fehlinformationen und Vorurteile kursieren, ist gerade in diesem Sektor das Thema Nachhaltigkeit zunehmend im Fokus. Vom kleinen Start-up-Labor bis zur großen Chemieanlage sind längst Bemühungen im Gange, den Umweltabdruck zu minimieren und – immer im Rahmen von Akkreditierungen, Normen und gesetzlichen Vorgaben – auf umweltfreundlichere Methoden umzustellen.

Dass schon das durchschnittliche Forschungslabor dafür ein sinnvoller Ort ist, zeigt sich an dem hohen Energie- und Ressourcenbedarf. Verglichen mit Bürogebäuden verbrauchen Forschungseinrichtungen fünf bis zehn Mal mehr Energie pro Quadratmeter [1]. Bereits ein einzelner Laborabzug verschlingt in vollem Betrieb so viel Strom wie bis zu drei Einfamilienhäuser [2]. Ähnlich große Energiefresser sind die Ultratiefkühlgeräte bei -80 °C [3].

Neben dem hohen Energiebedarf produzieren Labore erhebliche Mengen an Abfall, darunter kontaminierter Sondermüll und vor allem viele Verpackungsreste und Verbrauchsmaterialien – akademische Einrichtungen allein verursachten 2014 rund zwei Prozent des globalen Plastikmüllaufkommens [1]. Hinzu kommen der Wasserverbrauch sowie der Einsatz von Chemikalien. All dies trägt erheblich zum ökologischen Fußabdruck von Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie von Unternehmen bei.

Während Maßnahmen zur Nachhaltigkeit generell als positiv zu bewerten sind, stehen gerade kommerzielle Labore vor der Aufgabe, vor allem rentabel zu sein und nicht primär nachhaltig. Aber warum nicht beides miteinander verbinden? Hier setzen Nachhaltigkeitszertifikate an. Der Gedanke: Unternehmen und Anwendungslabore machen ihre Nachhaltigkeitsbestrebungen sichtbar und vergleichbar – auch, um sich damit positiv vom Wettbewerb abzusetzen und um bei dem nächsten Forschungsmittelantrag Bonuspunkte zu erhalten. Denn nicht nur Kunden, auch Prüfer und Reviewer achten inzwischen auf den Aspekt Umweltmanagement.

Doch was verbirgt sich genau dahinter? Wie läuft eine solche Zertifizierung ab? Und welche konkreten Vorteile bringt sie?

Was ist „Nachhaltigkeitszertifizierung“?

Nachhaltigkeitszertifizierung bezeichnet verschiedene Zertifizierungssysteme, die Unternehmen bei der Umsetzung „grüner“ Praktiken unterstützen und ihre Fortschritte sichtbar machen. Zu den bekanntesten Programmen im Laborsektor gehören My Green Lab aus den USAsowie LEAF (Laboratory Efficiency Assessment Framework) aus Großbritannien. My Green Lab sieht sich selbst als internationalen Goldstandard, wird unterstützt von der UN-Initiative „Race to Zero“ und empfohlen von der US-Umweltschutzbehörde EPA [4].

Das My-Green-Lab-Programm bewertet Labore in 14 Kategorien – von Energie und Wasser über Abfall und Chemikalienmanagement bis hin zu Mobilität und grüner Chemie. Die Kosten für eine Zertifizierung liegen hier bei rund 350 bis 500 US-Dollar, abhängig von der Anzahl der Labore pro Einrichtung (ca. 300 bis 430 Euro) [5].

Die Zertifizierung bei My Green Lab erfolgt in vier Schritten:

  1. Ausgangslage feststellen: Mittels Fragebogen ermitteln die Labormitarbeitenden den Ist-Zustand im Labor. Aufbauend darauf schlagen Angestellte von My Green Lab Verbesserungsmaßnahmen vor, um das Labor nachhaltiger zu gestalten.
  2. Maßnahmen umsetzen: Die zuständigen Nachhaltigkeitsbeauftragten im Labor diskutieren die Vorschläge intern sowie mit My Green Lab und entwickeln eine Strategie zur Umsetzung. Sie haben sechs bis acht Monate Zeit, möglichst viele der Maßnahmen im Labor zu implementieren.
  3. Ergebnis ermitteln: Nach der Umsetzungsphase bewerten die Labormitarbeiter erneut per Fragebogen den Ist-Zustand im Labor.
  4. Zertifizierung: Basierend auf den Ergebnissen stellt My Green Lab die entsprechende Zertifizierung aus, in Form eines Labels in Bronze, Silber, Gold, Platin oder die höchste Zertifizierungsstufe Grün – je nachdem, welcher Anteil der Maßnahmen erfolgreich umgesetzt wurde. Während es Bronze ab 40 Prozent der umgesetzten Maßnahmen gibt, müssen für „grün“ mindestens 80 Prozent der empfohlenen Maßnahmen erfolgreich umgesetzt sein [6].

Die Zertifizierung von My Green Lab ist für zwei Jahre gültig und muss dann gegebenenfalls erneuert werden [7].

Neben My Green Lab hat sich mit LEAF ein weiteres Zertifizierungsprogramm etabliert, das vor allem in akademischen Einrichtungen in Europa Anklang findet. Ursprünglich vom University College London (UCL) entwickelt, nutzen mittlerweile über 3.800 Labore in 15 Ländern dieses Programm (Stand 2024) [5]. Die Kosten für eine LEAF-Zertifizierung werden pro Einrichtung berechnet und betragen je nach Größe zwischen 1.100 und 2.600 britischen Pfund (ca. 1.300 bis 3.000 Euro) [5].

LEAF gliedert die Zertifizierung in drei Stufen: Bronze, Silber und Gold [8]. Der Prozess startet mit einer Selbsteinschätzung über eine Online-Plattform, die das Labor durch eine strukturierte Bestandsaufnahme führt [9]. Anschließend setzen die Teams schrittweise Maßnahmen um und übermitteln ihre Ergebnisse zur Überprüfung an die LEAF-Plattform. Die Ergebnisse werden durch ein so genanntes Cross-Audit verifiziert, bei dem sich Labore einer Institution gegenseitig prüfen – das soll Transparenz steigern und Greenwashing erschweren [10]. Das LEAF-Zertifikat gilt ein Jahr und muss danach erneuert werden [5].

Inhaltlich deckt LEAF ähnliche Bereiche ab wie My Green Lab: Energie, Wasser, Abfall, Chemikalien, Beschaffung und Mitarbeiterengagement. Ein Unterschied liegt in der Verbindlichkeit: LEAF schreibt pro Stufe fest vor, welche Kriterien erfüllt sein müssen – besonders wirkungsstarke Maßnahmen, etwa die Reduzierung von Lüftungsraten, sind für das höchste Zertifizierungslevel „Gold” verpflichtend. Zusätzlich bietet LEAF einen integrierten Rechner, mit dem Labore ihre konkreten Einsparungen bei CO₂-Ausstoß und Kosten berechnen können. In der Pilotphase des Programms sparten die teilnehmenden Laborgruppen im Schnitt rund 2,9 Tonnen CO₂-Äquivalente und umgerechnet etwa 4.300 Euro pro Jahr– rund 70 Prozent davon allein durch Energiekostensenkung [5].

My Green Lab und LEAF – zwei Wege, ein Ziel

Beide Programme verfolgen dasselbe Ziel: Labore nachhaltiger zu machen. Dennoch unterscheiden sie sich in einigen Punkten deutlich. In einem Vergleich zwischen LEAF und My Green Lab schnitt LEAF bei der Anpassung an deutsche Rahmenbedingungen signifikant besser ab. Erklärt wird dies unter anderem damit, dass LEAF, mit seinen Wurzeln in Großbritannien, besser auf europäische Standards ausgerichtet ist als das US-amerikanische My Green Lab. Letzteres empfehle die ein oder andere Maßnahme, die durch EU-Regelungen ohnehin längst umgesetzt sein muss [10].

My Green Lab arbeitet mit einem flexiblen Punktesystem über 14 Kategorien. Labore wählen selbst, welche Maßnahmen sie umsetzen, und sammeln so Punkte für ihre Zertifizierungsstufe. Das gibt Spielraum, birgt aber auch ein Risiko: Theoretisch lasse sich eine hohe Stufe erreichen, ohne besonders wirkungsstarke Maßnahmen anzugehen, wie in einem ausführlichen Vergleich der beiden Programme hervorgehoben wird [5]. Nichtsdestotrotz ist My Green Lab global etabliert, von der UN-Kampagne „Race to Zero“ unterstützt und bietet ein breites Ökosystem aus Zusatzprogrammen – darunter die Freezer Challenge zur Optimierung von Kühlgeräten oder das ACT-Label für nachhaltige Laborprodukte [4].

LEAF hingegen setzt auf feste Mindeststandards: Jede Zertifizierungsstufe schreibt bestimmte Maßnahmen verbindlich vor. Das sorgt für mehr Vergleichbarkeit und reduziert das Risiko, dass Labore nur die einfachsten Schritte umsetzen. Zudem ist LEAF näher an europäischen Rahmenbedingungen entwickelt worden, was die Übertragbarkeit auf deutsche und EU-Labore erleichtert. Der Nachteil: Das Programm richtet sich bislang vor allem an akademische Einrichtungen; für kommerzielle Labore ist eine eigene Version erst in Entwicklung [5].

Eine direkte Gegenüberstellung von LEAF und My Green Lab verdeutlicht den Unterschied. In einem vergleichenden Test der beiden großen Zertifizierungsprogramme durchlief ein Labor testweise beide Programme parallel. Dabei erreichte es bei My Green Lab die höchste Stufe „Grün“, bei LEAF nur die mittlere Stufe „Silber“ [5]. Dies liegt an dem unterschiedlichen Fokus der Zertifizierungen. Während My Green Lab stark darauf ausgelegt ist, die Mitarbeiter im Labor für Nachhaltigkeitsmaßnahmen zu schulen und für das Thema zu sensibilisieren, hat LEAF konkrete Vorgaben, die erreicht werden müssen, um ein bestimmtes Level zu erhalten.

Welche Vorteile bringt die Zertifizierung?

Was beim Zertifizierungsprozess besprochen und umgesetzt wird, ist kein Geheimwissen. Labore könnten die Nachhaltigkeitsmaßnahmen auch selbstständig und ohne offizielles Nachhaltigkeitszertifikat umsetzen. Es braucht Willen, Durchhaltevermögen und stringente Organisation, um aus den guten Vorsätzen echte Maßnahmen zu machen, aber viele Labore haben schon gezeigt, dass es machbar ist.

Die offizielle Nachhaltigkeitszertifizierung gibt Laboren und den Mitarbeitenden eine Motivation, sich mit dem Thema zu befassen und die geplanten Schritte rasch umzusetzen. Regelmäßige Austauschtreffen zwischen den koordinierenden Labormitgliedern und den Kontaktpersonen des Zertifizierungspartners stärken die Vernetzung im Labor und diese Mitarbeitenden tragen die Ideen und Nachhaltigkeitsbestrebungen ins Unternehmen und verwurzeln sie dort. Die positive Wirkung des Prozesses beschreibt etwa Dr. Melanie Krebs von der Universität Heidelberg, deren Arbeitsgruppe 2024 mit einer Green-Lab-Zertifizierung begann: „Nachhaltigkeit war bisher vor allem ein Anliegen von ohnehin bereits Interessierten. Der Zertifizierungsprozess hat das Thema in die Breite getragen.“ [6]

Durch die Erfahrung der Zertifizierungsanbieter läuft der Planungs- und Umsetzungsprozess strukturiert und schnell ab. Es gibt eine klare Kontaktstelle bei Fragen und Problemen, sodass die beteiligten Mitarbeitenden während des gesamten Verfahrens kompetent unterstützt werden.

Ein zentraler Nutzen der Nachhaltigkeitszertifizierung ist schließlich das positive Signal nach außen und das Abheben von Wettbewerbern. Ähnlich wie das Biosiegel auf der Milch im Supermarkt, zeigt ein Nachhaltigkeitslabel auf der Laborhomepage Qualität und in diesem Fall eben den Einsatz für Nachhaltigkeit an. Das stärkt die Reputation bei Kooperationspartnern, Förderern und potenziellen Bewerbern.

Und nicht zuletzt ist das Plus an Nachhaltigkeit der wahre Nutzen, den eine solche Zertifizierung bringt. Damit einher gehen in der Regel Kosteneinsparungen durch geringeren Energie- und Wasserverbrauch sowie verringerten Bedarf an Verbrauchsmaterial. Wer beispielsweise Tiefkühlschränke von -80 auf -70 °C umstellt, spart bis zu 30 Prozent Energie – für die meisten biologischen Proben ist diese Maßnahme umsetzbar, ohne dass die Proben Schaden nehmen [12].

Fazit

Nachhaltigkeitszertifikate können die entscheidende Motivation liefern, das eigene Labor grüner zu gestalten. Sie setzen zudem ein Zeichen nach außen, das von vielen Kunden und potenziellen Bewerbern als positiv wahrgenommen wird.

Welches der beiden großen Programme besser passt, hängt vom Kontext ab: My Green Lab empfiehlt sich für international agierende oder industrielle Labore, die eine global bekannte Zertifizierung suchen. Bei europäischen Forschungseinrichtungen kann sich jedoch LEAF als die bessere Wahl herausstellen, da es enger mit lokalen Gegebenheiten verzahnt ist [5].

Am Ende ist es zweitrangig, welches Programm gewählt wird oder ob überhaupt ein Nachhaltigkeitszertifikat angestrebt wird. Entscheidend ist, aktiv zu werden, das festgefahrene Handeln kritisch zu hinterfragen (statt bei dem bequemen „Das haben wir immer schon so gemacht“ festzuhalten) und Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit umzusetzen. Denn nachhaltiges Arbeiten im Labor ist der eigentliche Gewinn, für die Mitarbeiter, die Unternehmen und selbstredend für die Umwelt.


Quellen:

[1] Laborpraxis (August 2025): Reduce, Reuse, Recycle: die besten Strategien gegen Plastikmüll. https://www.laborpraxis.vogel.de/reduce-reuse-recycle-die-besten-strategien-gegen-plastikmuell-a-8331892d78451c7674966e030f9a9749/

[2] Köttermann: Nachhaltiger im Labor. https://www.koettermann.com/de/nachaltiger-im-labor/

[3] MDC Berlin (2. Juli 2025.): Mehr Nachhaltigkeit im Labor. https://www.mdc-berlin.de/de/news/news/mehr-nachhaltigkeit-im-labor

[4] My Green Lab: MGL Certification Program. https://mygreenlab.org/programs/mgl-certification/

[5] RSC Sustainability (2024): Comparative study of LEAF and My Green Lab certification programs. https://pubs.rsc.org/en/content/articlehtml/2024/su/d4su00387j

[6] Universität Heidelberg (21. Juli 2025): My Green Lab: Erfolgreiche Zertifizierung für natur- und lebenswissenschaftliche Labore. https://www.uni-heidelberg.de/de/newsroom/my-green-lab-erfolgreiche-zertifizierung-fuer-natur-und-lebenswissenschaftliche-labore

[7] Freie Universität Berlin: My Green Lab-Zertifizierung: Der Ablauf im Überblick. https://www.bcp.fu-berlin.de/forschung/greenlab/rd-inhaltselemente/zertifizierung.html

[8] Laborpraxis (Februar 2025): Tausende Euro und Emissionen sparen: Das Leaf-Projekt. https://www.laborpraxis.vogel.de/nachhaltigkeit-in-forschungslaboren-leaf-zertifikat-a-9ffc5af19ea37bc9a644ee71d37a0306/

[9] UCL: Take part in LEAF. https://www.ucl.ac.uk/sustainable/case-studies/2020/aug/take-part-leaf

[10] Wiley Analytical Science (1 4 Januar 2025): Nachhaltigkeit in Laboren durch die Programme LEAF und My Green Lab. https://analyticalscience.wiley.com/content/article-do/nachhaltigkeit-laboren-durch-die-programme-leaf-und-my-green-lab

[11] Carl ROTH Blog (2. Februar 2023): In ROTH steckt jede Menge Grün. https://carlroth.blog/in-roth-steckt-jede-menge-gruen/

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